Wie Carine Chardon die Consumer Electronics und Hausgeräte-Branche sieht

Carine Chardon: „ Angesichts der schleichenden Deindustrialisierung gilt es heute mehr denn je, den Produktionsstandort Europa wettbewerbsfähig zu halten.”

Am 1. September 2023 hat Carine Chardon zusätzlich zu ihrer Funktion als Geschäfts­führerin des Fachverbandes Consumer ­Electronics im ZWEI, die sie seit 2020 innehat, auch die Geschäftsführung der Fachverbände Elektro-Haushalt-Großgeräte und Elektro-Haushalt-Kleingeräte übernommen. Nachdem die Managerin im Dezember die berühmten 100 Tage in diesem Amt hinter sich hatte, hat PoS-MAIL mit ihr über die Perspektiven für ihre Verantwortungbereiche gesprochen.

PoS-MAIL: Frau Chardon, am 11. Dezember haben Sie die ersten 100 Tage in Ihrer neuen Funktion als Geschäfts­führerin des ZVEI Fachverbands Hausgeräte hinter sich gebracht. Wie haben Sie Ihren Start erlebt?

Carine Chardon: Es war ein Start mitten rein in die­ „action“. Besonders schön war es, auf der IFA zu starten, da ich so zahlreiche persönliche Gespräche mit den ­Mitgliedern führen konnte. Glücklicherweise war es ja auch kein kompletter Kaltstart, da ich mit meinem Vorgänger Werner Scholz schon einige Zeit zusammen­gearbeitet und ein gutes Gefühl dafür hatte, was auf mich zukommt. Wir stehen derzeit mitten im „Regulierungs­tsunami“ aus Brüssel, und die europäischen Institutionen wollen vor den Parlamentswahlen im Juni noch möglichst viel abschließen. Dadurch haben wir als Verband einiges zu tun. Hinzu kommen klassische Aufgaben der Verbandsarbeit: Informationsaufbereitung, Marktanalysen, Gremiensitzungen, Betreuung der Mitglieder usw. Auch die Zusammenarbeit mit dem neuen bzw. erweiterten Team ist zu organisieren.

PoS-MAIL: Wie ist das Jahr in der Kategorie Hausgeräte gelaufen? Welche Faktoren sind und werden besonders wichtig? Im Moment liegen ja die Schlüsselwörter Nachhaltigkeit und Künstliche Intelligenz im Trend. Gibt es auch noch andere Faktoren, die für das Hausgeräte-Geschäft im Jahr 2024 wichtig werden können?

Carine Chardon:  Es ist kein Geheimnis, dass die ­Konsumgüterindustrie es in 2023 – gerade im Vergleich zu den Pandemie-Jahren mit dem viel beschriebenen ­„cocooning“ Effekt – nicht leicht hatte. Das gilt auch für die Hausgeräte. Der Einbaubereich hat die schlechte ­Baukonjunktur, die Inflation und die hohen Zinsen zu ­spüren bekommen, und insgesamt fehlten die Impulse für Neuanschaffungen. Die Menschen waren von der Energiekrise, den steigenden Preisen und den globalen Krisen verunsichert und haben sich vielfach auf die nötigsten ­Investitionen beschränkt. Gleichzeitig bleibt das Ersatz­geschäft ein stabiler Sockel für unsere Industrie, und die immer energie- und ressourceneffizienteren, vernetzbaren Geräte sind attraktiv als Bestandteile energie­verbrauchsoptimierter Haushalte. Zudem gab es auch positive Entwicklungen, z. B. im Kleingerätesegment. Hier liefen zum Beispiel die Bodenpflege, insbesondere kabellose Staubsauger, und Kaffeezubereitung gut – nicht nur Kaffeevollautomaten, auch Espressomaschinen ver­zeichneten ein gutes Wachstum.

PoS-MAIL: Bereits drei Jahre vor der Übernahme der ­Geschäftsführung des ZVEI Fachverbands Hausgeräte wurden Sie Geschäftsführerin der ZVEI Fachverbände ­Consumer Electronics und Media Networks. Wie unterscheiden sich diese beiden Marktsegmente voneinander? Gibt es spezifische „Kulturen“ in diesen Branchen, und gibt es auf der anderen Seite Synergien, von denen die Marktteilnehmer profitieren können?

Carine Chardon:  In der Hausgeräteindustrie spielen ­deutsche und europäische Unternehmen noch immer eine wichtige Rolle – anders als bei Consumer Electronics. Zudem sind die Haushaltkleingeräte deutlich mittel­ständisch geprägt. Das macht schon einen Unterschied und die neue Aufgabe für mich besonders spannend. Gleichzeitig liegen aus Verbandssicht die Synergien mit den Consumer Electronics klar auf der Hand: Zum einen gibt es einige Unternehmen, die sowohl Haushalts­großgeräte als auch Unterhaltungselektronik anbieten. Zum anderen sind die Mitglieder überwiegend von den gleichen Regulierungsmaßnahmen betroffen und ihre ­Positionen daher oft nah oder gar deckungsgleich. Insofern ist es gut, dass wir die bisher getrennten Teams nun weiter zusammenführen: Wir sprechen mit stärkerer Stimme, davon profitieren auch unsere Mitglieder.

PoS-MAIL: In beiden Geschäftsführungsfunktionen sind Sie auch ein Bindeglied zu den europäischen Gremien und Behörden. Diese Instititutionen werden gerne mit dem Stichwort „Regulierung“ verbunden. Welche Prioritäten ­setzen Sie in der Zusammenarbeit mit „Europa“?

Carine Chardon: Die überwältigende Mehrheit der ­Gesetze, die unsere Industrie treffen, entsteht in Brüssel. Daher gilt es für uns, die Brancheninteressen dort zu ­vertreten, wo die Entscheidungen getroffen werden, um unsere Mitglieder umfassend und frühzeitig über sich abzeichnende Veränderungen zu informieren. Aus ­Brüssel kommt in den letzten Jahren eine Vielzahl an zunehmend komplexen und kleinteiligen Regulierungen – wir sprechen nicht umsonst vom „Regulierungstsunami“. Gerade an der Schnitt­stelle von Umwelt- und Ver­braucherpolitik gibt es derzeit eine Vielzahl an Initiativen. Insgesamt bedeutet Regulierung in der Praxis Mehr­belastungen der Unternehmen, die teils schwer zu rechtfertigen sind. Wir arbeiten daran, gegenüber den ­politischen Entscheidern die Zusammenhänge und ­Folgen für unsere Industrie aufzuzeigen und zugleich ­unsere Unternehmen für die kommenden Änderungen zu sensibilisieren. Vereinfacht erklärt, fungieren wir als ­Verband wie eine Art „Übersetzungsbüro“ zwischen Politik und Unternehmen – und vice-versa.

PoS-MAIL: Zurück zu den Hausgeräten. Wie transparent sind eigentlich die Marktentwicklungen in diesem ­Segment? Im Bereich Consumer Electronics gibt es ja schon lange den von der gfu und der GfK gemeinsam ­herausgegebenen Hemix, den Sie seit dem letzten Jahr mit dem CE Branchenkompass ergänzt haben. Wäre es nicht sinnvoll, auch für den Bereich Große und Kleine Hausgeräte eine Plattform zu entwickeln, auf der sich die Entwicklungen der einzelnen Produktkategorien und Marktsegmente transparent verfolgen lassen?

Carine Chardon: Die GfK-Reports sind etabliert, ebenso der Hemix. Gleichzeitig verfügen wir als Industrieverband mit rund 65 Unternehmen aus dem Bereich der Consumer und Home Electronics über eine umfassende Markt­kenntnis und haben Zugang zu relevanten Marktzahlen. Der CE-Branchenkompass ergänzt insofern die verfügbaren Statistiken punktuell mit vertiefenden Fach­analysen. Der jährliche Zahlenspiegel der ZVEI-Haus­geräte fußt auf unseren internen Markterhebungen und liest sich komplementär zum Retail-Report von GfK und gfu. Zudem arbeiten wir in den letzten Jahren verstärkt mit Verbraucherstudien. Wir schauen uns gegenwärtig das Thema Marktforschung insgesamt genauer an.

PoS-MAIL: Das Jahr 2023 war sowohl im Bereich ­Consumer Electronics als auch bei den Hausgeräten für alle Beteiligten eine Herausforderung. Sehen Sie schon eine Trendwende? Welche Akzente wollen Sie in Ihren ­Verbandsfunktionen im Lauf des Jahres setzen? Und nicht zuletzt: Welche Erwartungen haben Sie an die Jubiläumsausgabe der IFA?

Carine Chardon: Natürlich wünschen wir uns alle, dass die Kauflaune und die Kaufkraft der Verbraucher wieder steigen und hoffen auf positive Marktimpulse in den nächsten Monaten. Gleichzeitig stehen wir gerade von großen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen. Die Elektro- und Digitalindustrie steht für die Megathemen Elektrifizierung, Digitalisierung sowie Dekarbonisierung und trägt damit aktiv zur Energiewende bei. Die Hausgeräteindus­trie ist dem Thema Nachhaltigkeit seit Jahren verpflichtet und stellt dies z. B. durch die ­kontinuierliche Steigerung von Energieeffizienz und einer aktiven Kreislaufwirtschaft unter Beweis. Angesichts der schleichenden Deindustrialisierung gilt es heute mehr denn je, den Produktionsstandort Europa wettbewerbs­fähig zu halten und einen gesunden Mittelstand zu ­erhalten. Stattdessen treffen uns immer mehr kom­plexere und kleinteilige Gesetzesvorschriften. Überbordende Berichtspflichten belasten die Unternehmen in ­unangemessener Weise. Zugleich sind wir innerhalb der Europäischen Union mit einer wachsenden Zahl an ­nationalen Sonderwegen konfrontiert, die den Binnenmarkt schwächen. Hier halten wir dagegen. Der Ausgang der Europaparlaments-Wahlen im Sommer wird, gelinde gesagt, spannend und in jedem Fall bestimmend für die Europäische Politik der nächsten Jahren. Dagegen ist die Jubiläumsausgabe der IFA pure Freude: was für ein schöner Anlass für ein Wiedersehen mit allen Branchenpartnern – und hoffentlich der Auftakt für viele weitere gute Jahre unserer Leitmesse mit guten Impulsen für den Markt!

PoS-MAIL: Vielen Dank für dieses Gespräch, Frau Chardon.